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+---Thema: Kante Eröffnet von Ulrich


Beitrag von: Ulrich an 27. 11 2004, 21:08

Kante - Zombietour 2004

26. November 2004
Lagerhaus, Bremen
Tickets: 16 Euro
Besucher: ca. 300


Im Vorfeld hieß es Jona sollte heute im Vorprogramm von Kante zu sehen sein. Pustekuchen, im Lagerhaus wollte davon keiner was wissen. Jona halt wohl nicht gespielt, es sei denn geheim, nur fünf Minuten oder vor Beginn des offiziellen Einlasses und er hat nach dem Konzert gleich seine Shirts und Platten wieder eingepackt und ist in der Weser baden gegangen. Aber mal ehrlich: Jona muss man nicht öfters als einmal Live sehen, schließlich ist der Kölner zwar unglaublich symphatisch und sicher auch ein feiner Mensch und lustig zudem, aber seine Musik ist irgendwie doch: überflüssig. Trotzdem wäre er natürlich ein guter Supportact gewesen (mehr wird es wohl auch niemals sein, und jetzt habe ich fehlerhafter Mensch den ersten Stein geworfen und das bei anwesendem Weibsvolk). Der Mercher von Kante hat wohl auch schon genug („zum tausendesten Mal, nein, man kann die Jacken nicht auf die Garderobe hinter mir hängen“), dafür ist das Bier gut (Jever) der Laden voll (gerammelt) die Stimmung heiß (Temperatur auch) und die Aufbauten spannend (großes Line-Up). Ich wäre gerne bekifft, bin aber betrunken und nicht der einzige. Irgendwann fangen dann Kante aus dem nahen Hamburg an. Im Innern der Stadt ist der Opener eines Sets, das im folgenden zunächst vor allem aus Stücken des aktuellen Meisterwerks Zombie stammt. Zunächst mochte ich das Album nicht, ja fand es regelrecht misslungen. Jetzt halte ich es für das rundeste und gelungenste Werk in der Schaffensphasen der intellektuellen Poeten, die aber in sich auch noch mal sehr homogen und konsequent ist. So verwundert es schon, dass kein einziges Lied aus dem Erstlinkgswerk Zwischen den Orten zu hören ist, aber da es im Vergleich wesentlich nicht-ganz-so-gut ist, stört es wohl nicht allzu viele. Alleine optisch sind Kante sehr beeindruckend: Peter Thiessen, der charismatische, studentisch und ein bisschen artsy-farts wirkende Frontmann; seine kante-igen Mitstreiter; eine Bläsergruppe um The Notwist-Jazzer Micha Acher und mit vielen digitalen und analogen Geräten. Das Konzert dauert fast 2 ½ Stunden und wird in meinen Augen keine Minute langweilig. Von Zombie wird bis auf den stets-vorgeskippten Opener Moon, Stars & Planes kein Lied ausgelassen; und auch vom Durchbruchsalbum Zweilicht ertönt bis auf den Titeltrack jeder Vertreter aus den Boxen. Sound ist gut, die Stimmung zwischen ausgelassen und besinnlich, zwischen Jazz und Pop, zwischen Kopf und Beinen. Eben so wie die Platten von Kante sind. Und da passt es auch, dass Micha Acher in den Instrumental-Darbietungen in der Mitte des Konzertabends mitspielt. The Notwist, dass ist schießlich ebenfalls die Band sich nicht verorten lässt, es auch nicht lassen will und trotzdem oder gerade deswegen so ganz hervorragend funktioniert. Manchem sind Kante zu aufgesetzt, mir kommen Gänsehaut und – tatsächlich – Tränen. Bei Im ersten Licht etwa: Phatos und doch verkopft, eben in einem Zwischenstadium. Lokal (Zwischen den Orten), zeitlich (Zweilicht) und körperlich (Zombie): Kante sind die Band dazwischen, Kante sind eine Band mit der man sich beschäftigen kann. Findet auch das Publikum und ist offen. Jazz neben Pop neben (Post-) Rock neben Ballade neben Indie neben Mainstream neben Kopf neben Herz & Seele kann von nicht vielen Band glaubhaft herübergebracht werden. Wall of Sound werden errichtet nur um wieder eingerissen zu werden. Kante können es und dass sie es nicht so bierernst meinen wie hin und wieder vorgeworfen (von verkrampfter Attitüde ist da schon mal die Rede) ist ebenfalls klar ersichtlich. In den Zwischenkommentaren von Thiessen, die ganz klar machen aus welcher Stadt sie kommen und auf welcher Schule sie ihr Abitur gemacht haben. Mit Leistungskurs Musik und Deutsch, was anderes gibt es ja auch gar nicht. Und auch wenn Kante im letzten Lied von Zombie und des Konzertes New Babylon sich und ihre mannigfaltigen Soundspielerein mit dutzenden Instrumenten selbst auf den Arm nehmen, in dem sie gekonnt mit einem Quietscheentchen Töne erzeugen. New Babylon: Musik ist die Sprache die jeder versteht und um nicht wieder einen Kante-Artikel mit ‚ner blöden „Mehr als die Summe der einzelnen Teile“-Phrase zu beenden lieber eine Anekdote aus dem Hause Gerr: Interessiert es jemanden, dass The Notwist ihren aller ersten Auftritt in dem klitzekleinen oberbayrischen 900-Mensch-und-9000-Getier-Dorf hatten in denen ich die ersten 9 Jahre meines Lebens verbracht habe? Nein? Dann wohl auch nicht, dass ich nicht da war weil ich gerade 3 Lenze zählte und die Geburt meines jüngeren Bruders verdauen musste: Nesthäckchen sein war doch immer so leicht...

Beitrag von: Johannes an 01. 12 2004, 18:04

man man man. da ärger ich mich schon ein bisschen, dass ich mir tags zuvor das berliner konzert nicht angeschaut habe. aber naja. schöner bericht, ulrich. und wie heißt das dorf eigentlich, aus dem du kommst?
Beitrag von: EdKo@Work an 01. 12 2004, 20:06

Das heißt so wie dieser Dschungel-"Star", Isabell Varell ;-)
Beitrag von: Ulrich an 03. 12 2004, 19:33

das war die stadt in dem ich bis vor 2 monaten gewohnt habe.
ich komme aber aus einem anderen dorf; nicht allzu weit von weilheim entfernt wo bekanntermaßen notwist sich gegründet haben.
geboren bin ich in der stadt in dem "der heiratsvermittler" mit elmar wepper und "keep on running" von thomas gottschalk gedreht wurden und ein kleiner mann namens hitler seinen kampf niedergeschrieben hat während er im örtlichen gefängnis saß.
jetzt wohne ich bei hamburg und denke rückwirkend sind suizidgedanken doch nachvollziehbar..

Beitrag von: Patrick an 03. 12 2004, 20:27

ach was, eine geschichtsträchtige vergangenheit hat noch nie jemandem geschadet. und das mit der isabell muss dir nicht peinlich sein.
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